Von Errol
2013-06-14 02:36:10
Ein globales Beben erfasst die Märkte
Artikel
Infografiken
Kommentare (1)
smaller
Larger
facebook
twitter
xing
linked in
google plus
Print
Von DAVID WESSEL

Die tektonischen Platten der Weltwirtschaft verschieben sich. Im Zuge dieses globalen Bebens stieg die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen auf das höchste Niveau seit mehr als einem Jahr. Die Erschütterungen waren auf den Finanzmärkten von Tokio bis Mumbai und von Johannesburg bis São Paulo zu spüren.

In den vergangenen Jahren hat sich die Weltwirtschaft, die sich mit Mühe von der Finanzkrise zu erholen sucht, auf einige wenige Konstanten verlassen: Die US-Notenbank druckt Unmengen von Geld und belässt die Zinsen äußerst niedrig. China sorgt für viel Nachfrage und saugt Rohstoffe aus der ganzen Welt auf. Und Japans Rolle ist mehr oder weniger unerheblich.

Doch plötzlich werden diese drei Parameter allesamt von den Märkten angezweifelt. Die Folge: Aktien, Anleihen, Rohstoffe und jüngst auch noch die Währungen aufstrebender Länder werden von Krämpfen geschüttelt.

Bild vergrößern

Reuters
Was passiert da? Ein Händler der New York Stock Exchange.

Was die Entwicklung der Märkte und der Weltwirtschaft angeht, stellen sich jetzt folgende wichtige Fragen: Ist dies der unvermeidlich holprige Beginn einer begrüßenswerten Rückkehr zum Normalzustand? Zu einer Welt, in der die US-Wirtschaft nicht auf hohe und wiederholte Dosen monetärer Anreize angewiesen ist, in der Japan wieder wächst und sich die chinesische Wirtschaft sanft verlangsamt und ein nachhaltiges Tempo anschlägt?

Oder haben wir es hier mit dem Vorboten verstärkter Kursausschläge auf den Finanzmärkten zu tun? Handelt es sich hier vielleicht um das Ergebnis einer Fehlinterpretation der geldpolitischen Absichten der Federal Reserve seitens der Märkte oder eines vorschnellen Zugs der US-Notenbank, das billige Geld zu verknappen? Kommt es deshalb zu einem unerwünschten Anziehen der Marktzinsen, bevor die US-Wirtschaft so viel Fahrt aufgenommen hat, dass sie \"Fluchtgeschwindigkeit\" erreicht, wie Fed-Chairman Ben Bernanke es einmal genannt hat?

Bild vergrößern

Associated Press
Ein weiterer Händler an der New Yorker Börse.

Diese Fragen lassen sich jetzt noch nicht beantworten.

\"Was wir gerade weltweit wahrnehmen, sind Ausstrahlungseffekte der Geldpolitik der Notenbanken\", sagte Jim Yong Kim, der Präsident der Weltbank, in einem Interview in Montreal. \"Sorgen bereitet der Gedanke, was passieren wird, wenn die lockere Geldpolitik abrupt endet. Was wird dann aus dem Zugang zu Kapital für die Schwellenländer?\"

Vorerst sorgt diese Unsicherheit für erhebliche Kursschwankungen. Und ganz besonders sensibel reagiert wie immer die Rendite der zehnjährigen US-Treasuries. Sie markierte im Verlauf der Sitzung am Dienstag ein 14-Monats-Hoch von 2,27 Prozent, bevor sie wieder leicht nachgab. Im historischen Vergleich ist sie damit zwar immer noch niedrig, notiert aber dennoch beträchtlich höher als Anfang Mai.

Die Märkte in Bewegung:

Inflationsschutz verliert seinen Reiz
Schwellenländer kämpfen mit Kapitalflucht
Analyse: Schwellenländern droht keine Währungskrise
Stürmische Aussichten für die Märkte
Unsichere Wirtschaft setzt Gleichgewicht am Ölmarkt aufs Spiel
Das leichte Geldverdienen an der Börse ist vorbei
Ausverkauf bei Hochzinsanleihen
Die Rupie fällt auf Rekordtief
An 10 der 30 Handelstage seit der letzten Strategiesitzung der Fed am 1. Mai hat sich der Dow-Jones-Index um mehr als 100 Punkte bewegt - an fünf Tagen nach oben und an weiteren fünf Tagen nach unten. Nachdem am Dienstag an anderen weltweiten Aktienbörsen aufgrund von Wachstumssorgen und der geldpolitischen Unsicherheiten die Kurse nachgaben, eröffnete der Dow Jones-Index mit dreistelligen Abschlägen. Bis zur Mittagszeit wurden die Verluste zwar wieder wettgemacht, doch dann gab das Marktbarometer erneut nach. Der Index beschloss den Handel um 116,57 Punkte oder 0,76 Prozent leichter bei 15.122,02 Zählern.

Die Aussichten auf ein langsameres Wachstum in China drücken unterdessen die Rohstoffpreise. Seit Anfang des Jahres hat sich der Kupferpreis um zwölf Prozent ermäßigt und Rohöl der maßgeblichen Sorte Brent hat sich um mehr als sieben Prozent verbilligt.

Bild vergrößern

In Japan lässt sich die Entwicklung an den Aktien- und Anleihemärkten derzeit nur noch mit einer Achterbahnfahrt vergleichen. Fast täglich ändern sich die Einschätzungen zum Wirtschaftsprogramm der neuen Regierung und den Anstrengungen der Bank of Japan, in großem Stil Anleihen aufzukaufen. Nachdem die japanische Zentralbank am Dienstag davon abgesehen hatte, neue Schritte jeglicher Art anzukündigen, sank der Nikkei-Leitindex um 1,5 Prozent. Am Montag hatte die japanische Benchmark noch um fünf Prozent zugelegt. Im frühen Handel am Mittwoch fielen japanische Aktien um rund zwei Prozent zurück. In der vergangenen Woche zog der Nikkei-Index an einem Tag um zwei Prozent an, nur um am nächsten Tag fast vier Prozent einzubüßen.

Der Tumult hat über die führenden Märkte hinaus auch auf andere Schauplätze übergegriffen. Das Zusammenspiel zwischen leicht attraktiveren Zinsen in den USA, bedrohlichen Szenarien für die Exporte von Schwellenländern und der Aussicht auf weitere Kursausschläge hat in dieser Woche dazu beigetragen, dass Währungen aufstrebender Länder massiv unter Druck gerieten. Mehrere Regierungen sahen sich deshalb plötzlich dazu veranlasst, auf den Devisenmärkten zu intervenieren. Dabei hatten sie sich noch vor wenigen Monaten darum gesorgt, dass ihre Währungen sich unangenehm stark präsentierten.

Am Dienstag griff die indische Zentralbank ein, um die Talfahrt der Rupie aufzuhalten. Die indische Landeswährung hat sich seit Anfang Mai gegenüber dem Dollar um sieben Prozent ermäßigt. Auch die polnische Notenbank schaltete sich ein, um den nachgebenden Zloty aufzufangen. Der südafrikanische Rand fiel am Dienstag im Vergleich zum Dollar um 1,1 Prozent, seit Jahresbeginn summieren sich seine Verluste damit auf 16 Prozent. Auch die brasilianische Regierung macht sich Sorgen. Hatte sie jüngst noch Bedenken darüber geäußert, dass der Real zwischen Ende November und Anfang März gegenüber dem Dollar um fast zehn Prozent angezogen war, so zerbricht sie sich jetzt den Kopf darüber, dass die Landesvaluta seither fast neun Prozent abgegeben hat.

Weltweite Turbulenzen

Infografiken ansehen

Von allen wichtigen Regionen der Weltwirtschaft ist Europa fast die einzige, für die das Drehbuch jüngst nicht umgeschrieben wurde. Der Alte Kontinent steckt immer noch in der Rezession. Die Wirtschaft in der Eurozone ist in sechs Quartalen in Folge geschrumpft und auch für das laufende Quartal gehen Volkswirte nicht von einem Wachstum aus. Die europäischen Regierungen sind weitgehend gelähmt von Unstimmigkeiten darüber, wie - und in manchen Lagern, ob - eine weitere Integration der nationalen Volkswirtschaften, die sich den Euro teilen, am besten vorangetrieben werden sollte. Die Europäische Zentralbank ließ vergangene Woche wissen, sie \"sehe weiterhin Abwärtsrisiken, was die wirtschaftlichen Aussichten für die Eurozone angeht\". Allerdings ergriffen die europäischen Währungshüter keine weiteren Maßnahmen, um auf die Gefährdung zu reagieren.

Die Volkswirte von J.P. Morgan Chase JPM +1,86% haben jüngst mit mildem Optimismus ihrer Hoffnung Ausdruck verliehen, dass die USA, Europa und weite Teile der restlichen Weltwirtschaft im weiteren Jahresverlauf in einen höheren Gang schalten. Das wäre immerhin ein wohltuender Gegensatz zu den wirtschaftlichen Einbrüchen, die in den vergangenen Jahren regelmäßig um die Jahresmitte herum eingesetzt hatten. Auch wenn die Regierungen in den USA und Europa den Gürtel enger schnallen, erwarten die Volkswirte der Bank, dass eine Reihe von Faktoren für einen Ausgleich sorgen wird. Dazu zählen sie eine dynamische Entwicklung an den Aktienmärkten, ein Anziehen der Verbraucherausgaben in einem Großteil der Länder der Welt, eine Erholung des amerikanischen Arbeitsmarkts und knappe Lagerbestände in der Fertigung.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) blickt dagegen vorsichtiger in die Zukunft. \"Jüngste Daten legen nahe, dass sich das Wachstum etwas verlangsamt\", sagte Christine Lagarde, die geschäftsführende Direktorin des IWF, in der vergangenen Woche in einer Rede. Sie verwies dabei auf Anzeichen wirtschaftlicher Schwäche in China und trübe Investitionsaussichten in Brasilien, Indien, Russland und Südafrika. \"Wir könnten in eine Phase der konjunkturellen Abschwächung eintreten\", prognostizierte sie.

Angesichts der ungewissen globalen Wachstumsperspektiven fixieren sich die Marktteilnehmer und Prognostiker noch mehr als ohnehin üblich auf die US-Notenbank. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, ob die Fed den Umfang ihrer Anleihekäufe, der im Monat derzeit 85 Milliarden Dollar erreicht, im weiteren Jahresverlauf wirklich zurückschraubt, wie dies einige Fed-Offizielle angedeutet haben. Die Rendite zweijähriger US-Treasuries, an denen sich die Markterwartungen für die Kurzfristzinsen der Fed ablesen lassen, ist jüngst leicht nach oben geklettert.

\"Dabei handelt es sich zum Teil um die normale Volatilität, von der man weiß, dass sie sich einstellen wird, je näher das Datum rückt, zu dem der geldpolitisch entgegenkommende Kurs korrigiert wird\", sagt David Stockton, der ehemals zu den Spitzenbeamten der Fed zählte und jetzt bei der Washingtoner Forschungsgruppe Peterson Institute for International Economics arbeitet.

Allerdings könnte der Kursverfall auch auf eine Fehlinterpretation der Fed durch die Märkte zurückzuführen sein, führt Stockton weiter aus. Die US-Notenbank habe sich \"jüngst nicht so eindeutig zu ihren Absichten geäußert, wie sie dies in den letzten Jahren getan hat.\" Wenn die Aussagen von den Märkten falsch aufgenommen wurden, wird Fed-Chef Bernanke möglicherweise auf der Pressekonferenz nach der nächsten Strategiesitzung der Notenbank am 19. Juni versuchen, die Denkweise der amerikanischen Notenbanker richtigzustellen.

Derzeit baut die Vorgehensweise der Fed darauf, die Märkte davon zu überzeugen, dass sie zwar den Umfang ihrer Anleihekäufe in den kommenden Monaten reduzieren könnte, aber dabei immer noch die Absicht hegt, die kurzfristigen Zinsen auf äußerst niedrigem Niveau zu halten, bis sich die Arbeitslosenquote von zuletzt 7,6 Prozent auf 6,5 Prozent verringert hat.

Ein Teil der derzeitigen Marktentwicklung \"könnte aber auch der berechtigten Sorge\" entspringen, die Fed bereite sich auf einen Rückzug aus ihren Anleihekäufen vor, \"auch wenn die Weltwirtschaft immer noch nicht danach aussieht, als könne sie bald abheben\", fügt Stockton hinzu.

—Mitarbeit: David George-Cosh und Tatyana Shumsky
Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de